Christus - Heil für die Welt

Zitat Klaus Kasch:

In Apg. 4,12 heißt es von Jesus Christus: "In keinem anderen ist das Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin sie sollen selig werden." Wenn die Kirche das den Menschen nahebringen könnte, dann müßte sie doch überfüllt sein von Menschen. Hier aber hat sie sichtlich Probleme - oder die Menschen mit ihr. Worin liegen sie? Sind sie zu beheben?

Diesen Fragen kann man auf ganz verschiedenen Wegen nachgehen. Ich bin ihnen auf erkenntnistheoretischen, religionssoziologischen und fundamentaltheologischen Wegen nachgegangen. Das will ich im Folgenden beschreiben.

1. Der Mensch durchschaut die Wirklichkeit

Gemeinhin wird Wirklichkeit als etwas objektiv Gegebenes verstanden. Tisch=Tisch, Baum=Baum. Etwas schwieriger schon soziale oder historische Ereignisse. Beispiel: Ein Autounfall etwa wird von vier verschiedenen Zeugen auf vier verschiedene Weisen beschrieben, so daß oft nicht zu klären ist, wie er wirklich passierte.

Heute nun lehrt uns die Naturwissenschaft, daß nicht einmal die Dinge das sind, wofür wir sie halten. Unter einem Elektronenmikroskop ist ein Baum kein Baum mehr, sondern eine unübersehbare Fülle von biochemischen Prozessen. Jeder Gegenstand, einschließlich des Menschen ist auflösbar in seine atomaren Bestandteile. Da bleibt nichts Festes mehr, alles ist Bewegung. Da kreisen Elektronen um Atomkerne.

Die Wirklichkeit ist also nicht einfach ein objektives Faktum, sondern abhängig von dem Blickwinkel, unter dem man sie betrachtet. Gleichwohl halten die Menschen sie für eine objektive Gegebenheit. Wie kommt es dazu?

Die Soziologie (Berger/Luckmann), lehrt uns, daß Wirklichkeit in der Interaktion von Menschen entsteht. Im Prozeß der Menschwerdung sind zwei Schritte entscheidend, die miteinander geschehen.

Der eine ist, daß Wirklichkeit ihre Appellqualität verliert. Für ein Reh etwa ist eine Wiese keine Wiese, sondern Nahrung, und ein Hund kein Hund, sondern ein Grund zur Flucht. Es hat keinen Überlegungsspielraum oder jedenfalls nur einen kleinen. Seine Umgebung löst unmittelbar bestimmte Reaktionen in ihm aus. Das ist bei dem Menschen anders. Er hat einen Spielraum zu überlegen und zu entscheiden. Die Wirklichkeit hat ihre Appellqualität verloren.

Der zweite Schritt, der damit zusammenhängt und den ersten ermöglicht, ist die Entstehung von Sprache. Erst indem ich einen Gegenstand benenne, gewinne ich Distanz zu ihm, begreife ich, was er ist. Beispiel: Bei der Fahrt durch Finnland - ich fuhr mit etwa 80 km/h eine Straße durch den Wald - traten plötzlich ziemlich dicht vor dem Auto zwei graue Ungetüme aus dem Wald und schickten sich an, ins Auto zu laufen.

Meine Frau konnte nur noch "Vorsicht" rufen, ich aber schon nicht mehr reagieren. Sie blieben dann doch stehen. Erst etliche Meter und Sekunden später begriffen wir: das waren Elche. Und mit dem Wort sahen wir dann erst ihre Gestalt. Zunächst waren sie nur Appell: Gefahr, bremsen! ausweichen! Sprache erst ermöglicht distanziertes und reflektiertes Verhältnis zu den Dingen.

Aus beiden Schritten entsteht nun Wirklichkeit. Indem Menschen anfangen, miteinander zu reden, Dinge zu benennen, Situationen zu deuten, wird der unbegreiflichen Fülle dessen, was ist (Welt), ein begreifbarer Ausschnitt abgerungen (Wirklichkeit).

Den Prozeß, in dem das geschieht, beschreiben Berger und Luckmann mit den Worten

Externalisierung (Heraussetzung dessen, was in dem Menschen an Eindrücken und Erkenntnissen ist in Form von Sprache - dabei sind die Gemeinsamkeiten der Eindrücke etc. auf die gemeinsame physiologische Ausstattung der Menschen zurückzuführen);

Objektivierung (durch Austausch mit anderen Menschen, wird das, was eigentlich aus dem Menschen hervorgegangen ist, nicht mehr als seine Deutung empfunden, sondern als objektive Realität gewußt) und

Internalisierung (Hineinahme in das Bewußtsein des Menschen dessen, was mit anderen an Bestimmung der Wirklichkeit geleistet ist).

Wirklichkeit, so könnte man sagen, ist also Ergebnis der Selbsttäuschung des Menschen, der in Interaktion mit anderen seine Art, die Welt zu erleben und zu verarbeiten, zur objektiven Realität erklärt, weil er anders in der Welt nicht leben könnte, nicht Distanz, Überlegungsspielraum gewinnen könnte.

In der Neuzeit vollzieht sich nun in verschiedenen Bereichen die Entdeckung dieses Zusammenhangs. Wirklichkeit wird als Konstrukt des Menschen durchschaut. Sie ist sein Werk, seine Deutung, sein Entwurf. Sie ist ohne Gott und Götter. Der Einzige, der sinnvolle Zusammenhänge in ihr herstellt, ist der Mensch selber. Die Welt ist unstrukturierte Fülle von Beziehungen und Prozessen. Gegenstände, Ereignisse, sinnvolle Zusammenhänge gibt es nur für den Menschen. Er schafft sie erst durch seine Wahrnehmung und durch Interaktion mit anderen.

2. Der Mensch durchschaut die Religion

In diesem Zusammenhang können die Soziologen nun auch sagen, wozu die Religion gut ist, warum es Religion gibt, ja, warum es keine Kultur vor der Neuzeit ohne so etwas wie Religion gibt und warum sie in der Neuzeit in die Krise gerät. Das will ich als nächstes darstellen.

Die Religion macht Menschsein erträglich. Wenn die Wirklichkeit selber nicht mehr Appellqualität besitzt, der Mensch also angesichts von jedem Gegenstand, in jeder Situation erst verstehen muß, erst deuten muß, ehe er handeln kann, dann lebt er in ständiger Überforderung und Unsicherheit. Was etwas ist, kann man immer nur in Beziehung zu etwas anderem sagen: Wüste ist ohne Sand oder Felsen, ohne Wachstum und Unfruchtbarkeit, ohne Dürre und Regen, ohne Sonne nicht verständlich zu machen. Deuten, Verstehen greift immer über den konkreten Gegenstand hinaus, stellt ihn in unendlich viele Zusammenhänge. Man kann aber nicht unendlich viele Zusammenhänge wahrnehmen. Man muß Grenzen ziehen. Diese Grenzen sind aber immer wieder hinterfragbar. Warum ist hier Wüste und nicht fruchtbares Land? Diese Warum-Fragen kann man ins Unendliche fortsetzen. Die Antworten nicht. Damit aber stehen alle Deutungen in Frage und letztlich immer der deutende Umgang des Menschen mit der Welt überhaupt - und damit wieder sinnhaftes menschliches Sein in der Welt. Damit gehen die Menschen so um, daß sie etwas errichten, was man Horizont genannt hat. Eine Grenze, bis zu der man sinnvoll fragen kann, weil es überprüfbare Antworten gibt. Horizont heißt diese Grenze, weil man auch darüber hinaus fragen könnte, aber man käme ins Unerkennbare hinein. Man weiß, dahinter liegen noch Welten, aber die lassen wir draußen. Die können wir doch nicht erreichen. Wir begnügen uns mit dem, was diesseits davon liegt, mit der Wirklichkeit, die wir verstehen.

Die Horizontziehung ist Funktion der Religion. In Bildern und Symbolen beschreibt sie das, was Menschen nicht wissen können: Woher alles kommt, warum es die Erde gibt, die Sonne und den Regen, das Wachsen und Vergehen, was vor dem Menschen war und was nach ihm sein wird, was die Welt zusammenhält, warum der König König ist und der Knecht Knecht. Sie zieht die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits des Erkennens. Sie stabilisiert das Diesseits oder stellt es in Frage jeweils vom Jenseits her. Warum Israel im gelobten Land sitzt und warum es daraus vertrieben wird, woher Krankheiten und Mißernten und aller Segen kommt, das erklärt die Religion. Und nur, indem sie das tut, ist menschliches, sinnhaftes deutendes Sein in der Welt möglich. Die Wirklichkeit, wie eine Gesellschaft, wie ein Volk sie sieht, ist hier abgesegnet, gilt nun universell. Und der Mensch, der im Unterschied zum Tier seine eigene Vergänglichkeit weiß, kann sie aushalten, weil er sich aufgehoben glaubt in der Liebe dessen, der ihn geschaffen hat.

Damit kommt der Begriff "Heil" ins Spiel. Heil als Ganzsein, Unzerstörbarkeit, als Heilsein im Unterschied zu zerstört, kaputt, verloren sein, ist genau das, worum es in der Religion geht. Daß nicht das Chaos die Wirklichkeit zerstört, daß die Angst vor dem eigenen Nichtsein bewältigt wird, ist die Funktion von Religion. Leben und Tod, Reichtum und Hunger, Wohlergehen und Leiden deutet sie vom Jenseits dessen her, was wir wissen können. Sie versöhnt den Menschen mit seinem Geschick, hilft ihm, es als gütige Gabe eines liebenden Gottes anzunehmen. Ohne einen solchen Horizont hätte sich kein Lebewesen auf den Weg machen können, die Welt deutend zu verarbeiten. Dazu ist sie zu komplex. Zur Menschwerdung des Menschen gehört Religion unausweichlich hinzu. Und als solch ein Horizont vermittelt sie der Gesellschaft verbindliche Handlungsmuster, Normen, Werte, also das, was nicht weiter begründet werden kann, gleichwohl aber für alle verbindlich ist. Allerdings hängt die Verbindlichkeit hier wie bei der Wirklichkeit an der Täuschung: daß wirklich vom Jenseits her, von Gott her die Gebote und Werte kommen.

Daß Religion durchschaut wird, beginnt mit der Reformation. Die Spaltung ein und derselben Religion in zwei sich bekämpfende Glaubensweisen führt zur Infragestellung beider. Sie werden hinterfragt, auf ihre Wahrheit untersucht. Hier verselbständigt sich die Wissenschaft, wird zur kritischen Instanz der Religion gegenüber. Sie hinterfragt den Horizont, den sie zieht, entdeckt die Welt weiter, als es der Religion recht ist, gerät in Widerspruch zu ihr. Gleichzeitig gerät die Gesellschaft, die zwei Religionen hat, in die Lage, nicht mehr von ihr integriert zu werden. Sie muß wählen. Das aber setzt ein Kriterium voraus, nach dem die Wahl getroffen werden kann. Dieses Kriterium ist in Europa die Wahrheit. Und ihr widmet sich die Wissenschaft. Sie übernimmt zunehmend die Integration der Gesellschaft. Schließlich wird die Gesellschaft überhaupt nicht mehr von der Religion organisiert, sondern nur noch funktional. Politik, Wissenschaft, Technik und Wirtschaft regieren die Gesellschaft, die Religion steht am Rande.

Der Horizont, den sie bildete, wird von der Wissenschaft immer mehr erweitert, so daß kein relevantes Jenseits mehr übrigbleibt. Die Wissenschaft legt Weltentstehungstheorien, Evolutionstheorien vor. Nicht die Religion, die Naturwissenschaft ist plötzlich der Horizont. Auch das Jenseits gehorcht naturwissenschaftlichen Gesetzen.

Und dann wird die Religion als Horizont durchschaut, kann nun nicht mehr Heil vermitteln. Nun weiß man ja, daß sie nicht aus dem Jenseits in das Diesseits wirkt. Sie ist Theorie des Diesseits - wie die Wissenschaft auch.

3. Der Glaube als das Menschliche am Menschen

Auf diese Situation der Neuzeit hat die Theologie verschiedene Antworten zu geben versucht. Ich will hier nur die Konsequenzen benennen, die sich mir ergeben haben.

a. Der offene Horizont

Der Horizont ist offen. Weil wir wissen, daß Religion Horizontziehung ist, menschlicher Entwurf, unterliegt sie der Wahrheitsfrage und der Wissenschaft. Diese hat Schöpfungsgeschichten und Gottesbilder durch eigene Theorien ersetzt, mit denen sie nun das Diesseits in das Jenseits verlängert. Es gibt kein religiös beschreibbares Jenseits mehr. Auch über das, was wir nicht wissen können, gibt es wissenschaftliche Theorien, die es zu einem Teil des Diesseits machen.

Ich kann nicht mehr so einfach aus dem Glauben Werte und Normen ableiten. Ich kann nicht mehr so einfach von Offenbarung reden. Gottes Wort ist nur in Gestalt von Menschenworten zu haben. Schöpfung, Gottes-Sohnschaft Jesu, Auferstehung sind nicht irgendwelche Realitäten. Es sind Begriffe des Glaubens von Menschen. Wie die Wirklichkeit ist auch Religion Konstrukt, in Interaktion von Menschen gewonnen. Alle Wahrheitsansprüche des Glaubens sind fragwürdig geworden: der Frage würdig, was hinter ihnen an Erfahrungen steht, was sie an Heil eröffnen. Sie sollen ja eine Funktion erfüllen: sie machen die Risiken menschlichen Seins in der Welt tragbar, versöhnen den Menschen mit seinem Geschick, vermitteln ihm Heil.

Wie können sie diese Funktion für uns erfüllen? Das ist die Frage. Es geht also nicht darum, wer Jesus war, was er genau gesagt und getan hat, ob er Gottes Sohn ist. Sondern es geht um die Frage, ob er uns hilft, die Offenheit des Horizontes zu bewältigen, uns mit unserem Geschick zu versöhnen. Darin wird er uns zum Christus, zur Gegenwart Gottes. Dabei ist ganz wichtig, daß die Inhalte von Religion, also auch die Inhalte der christlichen Überlieferung, nicht widerlegt sind. Sie sind Ausdruck des Glaubens von Menschen, ihnen liegen bestimmte Erfahrungen zugrunde, Überzeugungen, die Menschen sich gebildet haben. Sie mögen wahr sein oder auch nicht. Entscheidend ist, ob sie uns helfen, unser menschliches Sein in der Welt zu bewältigen.

b. Die Konstruktion der Wirklichkeit

Alle Wirklichkeit ist Konstrukt, die der Naturvölker ebenso wie die naturwissenschaftliche unserer Zeit. Kein Verständnis der Wirklichkeit ist einfach wahr. Daher müssen wir fragen, in welchem wir leben wollen. Der Preis des unseren ist, daß es Heil darin nicht mehr gibt. Dafür hat es uns ein ungeheures Wissen über unsere Welt eröffnet. Doch dieses Wissen ist einseitig. Es ist ausgerichtet auf die Herrschaft des Menschen, auf das Machbare. Das, was Religion leistet, kommt zu kurz: wahrzunehmen und zu bedenken, wo wir eingebunden sind in liebevolles, schöpferisches Wirken, in Zusammenhänge, die wir als in sich sinnvoll verstehen können. Hier engagiert sich im Augenblick die New-Age-Bewegung. Hier haben auch wir neue Akzente zu setzen. Es geht sozusagen um einen neuen Horizont. Nicht mehr um Diesseits und Jenseits, um ein jenseitiges oder zukünftiges Reich Gottes, nicht mehr um ein Jenseits unserer Welt, sondern um ein Jenseits in der Welt, um bergende, heilende, versöhnende Strukturen. Darum, ob ein tieferer Sinn zu erfassen ist, Strukturen, die uns die Welt als sinnvolles Ganzes erahnen lassen.

c. Strukturen der Güte

Mir ist deutlich geworden, was in unserer Situation Heil Christi bedeuten kann. Auferstehung und ewiges Leben, Paradies und Reich Gottes, Jungfrauengeburt und Gottessohnschaft, ja das Wort "Gott" selber - das sind Begriffe, die dabei erst einmal ihre Bedeutung verloren haben. Es sind Menschenworte, die ein Jenseits beschreiben, das nach Auflösung des Horizontes in Frage steht. Darum hat es für das Diesseits keine bergende, heilende Funktion mehr.

Anderes ist mir an diesem Christus wichtig geworden. Sein Hinweis auf die Güte Gottes, der es regnen läßt über Böse und Fromme, der die Blumen auf dem Feld und die Vögel unter dem Himmel versorgt, den er mit Vater anredet. Er macht auf Strukturen der Güte in unserer Welt aufmerksam, auf Spuren, die uns öffnen wollen für etwas, das wir Güte Gottes nennen können. Solche Spuren zu suchen, aus ihnen neue Geborgenheit im Diesseits zu finden, halte ich für eine heutige Aufgabe.

Wichtig geworden ist mir, was er über Nachfolge sagt: Vertrauen wagen, ins Offene gehen, nicht an vermeintlichen Sicherheiten sich orientieren, nicht auf Sicherheit bedacht sein. Wer sich losläßt, der findet sich. Nachfolgen, sich loslassen, die Offenheit und Ungeborgenheit aushalten: dazu stiftet der Christus Jesus uns an. Das alte Heil, die Geborgenheit, die aus den im Jenseits begründeten Normen und Werten hervorging, ist die des Gesetzes, der Angst und Unerwachsenheit. Monod sagt in einer berühmten Formulierung, der Mensch sei ein "Zigeuner am Rande des Universums". Das in dem Vertrauen aushalten, daß Jesus mit seiner Rede vom Vater doch recht gehabt hat, ist Nachfolge. Es ist eine erwachsene Form des Heils, eine, die an unser Loslassen und unsere Bereitschaft zu vertrauen appelliert. Um Ich-Bestimmtheit geht es. Das Über-Ich eines jenseitigen Gottes wird hier abgebaut zu Gunsten eines Ich, das die Verantwortung für seinen Glauben und sein Tun übernimmt. Liebe statt Gehorsam, Freiheit statt gesetzlicher Normen werden die Charakteristika der Jünger Jesu.

Natürlich kann man das als den Weg der Sünde beschreiben, wie bestimmte Kreise unserer Kirche das tun. Es ist der Weg Adams und Evas, der Schlange zu folgen und selber zu wissen, was gut und was böse ist. Es ist der Versuch, zu sein wie Gott. Der Weg führt aus dem Paradies, aus dem Heil heraus. Aber es ist der Weg der Menschen heute, und ich verstehe Jesus so, daß wir als seine Jünger ihn getrost mitgehen können. Das ist nicht ein Weg für alle. Andere mögen an den traditionellen Inhalten und Vorstellungen festhalten. Sie sind vielleicht nicht so angefochten von dem neuzeitlichen Bewußtsein. Dann finden sie in diesen Inhalten und Vorstellungen Heil und Geborgenheit. Doch viele können das nicht mehr: für sie gibt es diesen Weg des Glaubens, der den Zweifel einschließt und gegen alle Zweifel vertraut. In diesem Glauben sehe ich den Menschen sein Menschsein erfüllen, in Freiheit und Toleranz sein Geschick annehmen, heil werden.

Wichtig geworden ist mir dabei dann sein "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Psalm 22,2). In der äußersten Gottverlassenheit an Gott festhalten, das ist mündiger Glaube, das ist größte Freiheit im Glauben. Die Menschen haben sich in die Lage gebracht, nur noch so glauben zu können. In einer Welt ohne Horizont und Jenseits, in Gottverlassenheit also, kann man so noch an Gott glauben. Es ist der Glaube, der Gott nicht mehr zur wissenschaftlichen Erklärung der Welt braucht. Es ist der Glaube, der nicht mehr gesellschaftliche Verhältnisse mit der Religion legitimieren will - weder die Herrschaft noch die Ehe noch die Kirche noch den Widerstand gegen die Abtreibung oder die Rüstung. Aber es ist zugleich der Glaube, der in dieser Horizontlosigkeit nach Gott fragt, nach Möglichkeiten des Heils, und der darum unabhängig von allen Verhältnissen für das Leben eintritt, für die Versöhnung, für das Wagnis des Friedens und des Vertrauens, für die Geschwisterlichkeit, weil in ihnen - wenn sie denn aus dem Glauben kommen - Heil anschaulich wird. Freilich nur, wenn sie aus dem Glauben kommen, wenn sie nicht Last und Streß, Gesetz und Pflicht sind. Nur wenn sie aus dem Zutrauen gelebt werden, daß der Mensch darin sich selber findet, versöhnt ist mit seinem Geschick. Daß solches Zutrauen nun doch ausgreift über alle Gegenwart hinaus zu so etwas, wie Auferstehung, bestreite ich nicht. Das liegt im Ruf des Gekreuzigten ja auch beschlossen. Der sich da am Kreuz im Ruf nach Gott losläßt, ist schon auferstanden: "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist" (Psalm 31,5).

d. Kirche ist erfahrbare Gegenwart des Heils Christi

So lautet meine These. Sie ist es als Gemeinschaft von Menschen, die das eben beschriebene Heil Christi miteinander entdecken, es miteinander teilen, es miteinander leben. In einer Gesellschaft, in der Religion am Rande steht, braucht es mehr denn je Kirche. Es braucht sie als öffentliche Einrichtung, die in den Medien den Menschen Zugänge zu dem genannten neuen Horizont eröffnet, die die Frage nach der Möglichkeit von Heil lebendig hält. Es braucht sie aber mehr noch als Angebot an Gruppen von Menschen, miteinander den Glauben zu entdecken, der die Risiken menschlichen Seins erträglich macht. Denn im Augenblick leben wir ja in der permanenten Verdrängung dieser Risiken. Sie müssen verdrängt werden, weil sie nicht auszuhalten sind ohne das Heilsangebot der Religion.

Ich wünsche mir eine lebendige Kirche, in der Menschen in Gottesdiensten, Amtshandlungen, Gesprächskreisen Erfahrungen miteinander machen, in denen jener neue Horizont sichtbar wird: Strukturen der Güte in der Welt, Strukturen sinnhafter Zusammenhänge. Und solche, in denen der selbstverantwortete Glaube eingeübt und miteinander geteilt wird. Es gibt das alles ja schon in unserer Kirche: Yoga und Meditation, Fastenaktionen, Friedensgruppen, ökologische Gruppen, pflegende Angehörige, feministische Gesprächskreise, entsprechende Gottesdienste und Konzerte, Taizé u.v.a.m. Ich denke, wir sind weithin auf einem guten Weg als Kirche.

Es geht um das alte Ziel: in unserer heil-losen Zeit den Glauben an Christus als Möglichkeit neuer Formen seiner Heilsgegenwart erfahrbar zu machen.

Klaus Kasch in einem Gemeindevortrag über seine Dissertation am 10. November 1988