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Zur eigenen Lesesozialisation mit Karl May und Thomas Mann:

Zum Entwicklungsgedanken bei Karl May:

  • Günter Scholdt, "Empor ins Reich der Edelmenschen". Eine Menschheitsidee im Kontext der Zeit. Vortrag, gehalten am 23. September 1999 auf der 15. Tagung der Karl-May-Gesellschaft in Hohenstein-Ernstthal, In: Jb-KMG 2000, Husum 2000, S. 94-111.

Zur Gretchenfrage:

  • Peter Hofmann, Der geographische Prediger und sein Evangelium. Religionsphilosophische Texte und Subtexte im Werk Karl Mays, in: Jb-KMG 2015, S. 223 ff.
  • Peter Hofmann, Karl May und sein Evangelium. Theologischer Versuch über Camouflage und Hermeineutik, Paderborn: F. Schöningh 2016.
  • Hermann Wohlgschaft, Ein 'undogmatisches Christentum' oder Wie 'christlich' dachte Karl May?, in: Jb-KMG 2017, S. 279 ff.

Nahtoderfahrungen und Sterbeszenen bei Karl May:

  • Johannes Zeilinger, "Ich war gestorben und hatte dies doch bemerkt". Scheintod und Nahtoderfahrungen bei Karl May, in: Jb-KMG 2016, S. 241-270.
  • Hermann Wohlgschaft, Große Sterbeszenen der Weltliteratur. Eine geistliche Betrachtung, Würzburg: Echter 2018 (zu Winnetou: S. 129 ff.)

Buchausgabe von Ardistan und Dschinnistan. Das Deckelbild von Sascha Schneider zeigt Marah Durimeh

Marah Durimeh wird zitiert in einer Rede von Helmut Schmidt.

Meine Zugänge zu Karl May

Das Schlüsselerlebnis

In "Ich" (GW 34), S. 87, schreibt May: "Wer als kleiner Schulknabe auf der Kanzel gestanden und mit fröhlich erhobener Stimme vor der lauschenden Gemeinde gesungen hat, daß ein helles Licht erscheine und von nun an des Friedens kein Ende sein werde - eine Anspielung auf seinen Sologesang zu Jesaja 9,1.5-6 -, den begleitet, wenn er sich nicht absolut dagegen sträubt, jener Stern von Bethlehem durch das Leben, der selbst dann noch weiterleuchtet, wenn alle andern Sterne verlöschen."

Zitiert bei Kühne/Lorenz: Karl May und die Musik ..., 1999, S. 13; vgl. dazu die Predigtgedanken von Michael Welker zum 24. Dezember 2005.

Der höhere Zweck

Am 16. September 1906 schrieb May an Franz Joseph Völler in München:

"Ich mache Reisen, um Erzählungen schreiben zu können. Aber diese Erzählungen haben neben dem gewöhnlichen geographischen und ethnologischen noch einen zweiten, unendlich höheren Zweck. Nämlich ich lehre Psychologie. Ich befinde mich am Anfange dieser Erzählungen, also im ersten Bande, in der Wüste, nämlich in der Wüste der Unwissenheit, und wünsche, zunächst mich selbst, also vor allen Dingen Geist und Seele kennen zu lernen. Da kommt ein kleiner, munterer, zutraulicher Kerl geritten, der aber auf einer himmelhohen, prätentiösen Hassi-Ferdschahn-Stute sitzt und mir weißmachen will, daß er und alle seine Vorfahren Hadschi's seien. Als ich ihm aber fest auf das Gewissen klopfe, muß er eingestehen, daß keiner von ihnen und auch er selbst nicht, in Mekka, Medina, Jerusalem oder Ka'irwan gewesen ist.

Mein lieber, verehrter Herr Doctor, dieser kleine, liebenswürdige, unendlich treue Aufschneider Halef Omar ist die menschliche Anima, die sich für den Geist resp. für die Seele ausgiebt und sich gegen Jedermann der Heldenthaten dieser beiden rühmt! Ich nehme diese Anima in meinen Dienst. Ich reite mit ihr nach den heiligen Stätten, wo man zum Hadschi wird und durch das ganze Erdenleben, bis wir im letzten Band zum Dschebel Marah Durimeh gelangen, an welchem die Erkenntniß auf uns wartet. Als Halef seine 'Seele' findet, nämlich Hanneh, wird er Scheik der Haddedihn - - - das sind diejenigen meiner Leser, die mich zwar gern haben, mich aber noch nicht verstehen. In späteren Bänden kommen wir hinauf zu den Dschamikun. Das sind diejenigen meiner Leser, welche mich begreifen. Darum finde ich bei ihnen Schakara, d. i. meine Seele, und kann ihnen in der Spaltung Kara Ben Nemsi und Ustad den 'Geist' erklärlich machen, den sie begreifen sollen.

Und wie ich hier im Orient in der 'Wüste' beginne und auf dem Dschebel Marah Durimeh die Feder aus der Hand lege, so fange ich drüben im Westen in der wilden Savanne resp. Prairie an, um mich am Schluß hoch droben auf dem Mount Winnetou von meinen Lesern zu verabschieden.

Da oben ist mein Kursus in der Psychologie beendet, und meine Schüler haben so selbstständig denken und sehen gelernt, daß ich ihnen getrost die Fortsetzung dieser Forschungen überlassen kann. [...]

Ich öffne nur das Thor. Wer nach mir kommt und eingetreten ist, der mag dann sprechen."

Zitiert bei Christoph F. Lorenz (Hrsg.): Zwischen Himmel und Hölle. Karl May und die Religion, Bamberg 2013, S. 499 f.

Die inneren Gegenden

Unter dem Pseudonym "Fred Holm" schrieb Karl May in der Zeitschrift "Das zwanzigste Jahr­hundert", einer Wochenschrift für Politik, Wissenschaft und Kunst (Nr. 9 vom 3. März 1907):

"Seine eigentlichen Zwecke lagen nicht auf der Oberfläche. Er hatte sich in den Dienst eines menschheitlich großen Gedankens gestellt. Er schrieb für die Aussöhnung des Morgenlandes mit dem Abendland. Er schrieb für die Erkenntnis der indianischen Aufgabe bei der zukünftigen Völkerbildung des amerikanischen Kontinents. Er schrieb, um den Blick der Oberflächlichen in die verborgenen Tiefen des Lebens zu richten und wurde, indem er seine Reiseer­zählungen durch heimische und fremde Länder führte, zum Ent­decker vollständig unbekannter innerer Gegenden, die nur für den 'Edelmenschen', nicht aber für den 'Menschen der Gewalt' er­reichbar sind. Darum ist es wohl sehr richtig, noch hinzuzufügen: Er schrieb für die Entwicklung des 'Gewaltmenschen' zum 'Edel­menschen' und tat dies in der Form von spannenden Erzählun­gen ..."

Zitiert von Siegfried Augustin im Vorwort zu Karl Mays "Mein Leben und Streben", Verlagsgruppe Weltbild o. J., S. 10.

Das Land der Sternenblumen

Wenn man von der Erde aus drei Monate lang geraden Weges nach der Sonne geht und dann in derselben Richtung noch drei Monate lang über die Sonne hinaus, so kommt man an einen Stern, welcher Sitara heißt (May 1910, S. 1).

In einem Arbeitszimmer in der Nähe von Dresden lebte und arbeitete ein Autor, der eine derartige Weite und Erfahrungs­dichte in seinen Schriften appli­zierte, dass Generationen von Leser*innen ihn zu einem Idol erkoren und sich gleichermaßen einer uferlosen Phantastik hinga­ben. Ausgehend von seinem mit Sekundärliteratur und exotischen Accessoires gefüllten Arbeitszim­mer reiste Karl May in fremde und für die damalige Zeit wenig zugängliche Welten und bestand existenzielle Abenteuer. Sein zen­trales Medium war die Phantasie, mittels der er das Angelesene der­art plastisch mit Leben füllte, dass ihm viele folgten.

Peter Rosegger schrieb 1877 an Robert Hamerling: "Seiner ganzen Schreibwei­se nach halte ich ihn für einen vie­lerfahrenen Mann, der lange Zeit im Orient gelebt haben muss" (zit. n. Ueding 2001, S. 88). In seiner ekstatischen Schreibweise überlagerte er palimpsestartig die Lebenswelt, indem er biographi­sche Erfahrungen, Reiseberich­te, Träume und Sehnsüchte zu einem faszinierendem Amalgam verband. Die Welt des Orients, Nordamerikas oder Sibiriens waren Kulissen für dichte Erleb­nisse, für einen "nach außen ge­brachten Traum der unterdrück­ten Kreatur, die großes Leben haben will [...]" (Bloch 1962, S. 172).

Durch die intertextuelle Verwen­dung von landeskundlichen Ab­handlungen und Enzyklopädien entstand zwar der Eindruck von Authentizität, allerdings nicht durch das Faktische, sondern durch die phantastische Durch­dringung des Stoffes. Dies führ­te so weit, dass im Spätwerk die Kolportage und die Kulisse des Reisenden aufgegeben wurden zugunsten eines fernen Planeten - Sitara, dem Land der Sternenblu­men. Hier ging es nicht mehr um Referenzen oder kolportageartige Spannungsbögen, sondern um eine Landschaft, die zwar ethisch moralische Fragen zu repräsen­tieren suchte, aber durch surreale Erscheinungen geprägt wurde.

Ja wirklich! Es bewegte sich, es zitter­te! Wie ein sich von innen näherndes Licht, welches durch Mauern leuchtet, so stach ein scharf glänzender Punkt durch den unteren, violetten, blauen und dunkelroten Teil der Flammen­wand. Der Punkt durchbohrte diese Wand. Sie öffnete sich. Es entstand eine Spalte, die nach der Basis trachtet und, als sie diese erreicht hatte, immer breiter und höher wurde, ein Riesentor zwischen violett, blau und dunkelrot strahlenden Feuerpfeilern, die sich oben zu einer blutig hellrot glänzen­den Spitze vereinigten (May 2002, S. 277 f.).

In den Landschaften von Ardistan (dem Land des Krieges) und Dschinnistan (dem Land der Edelmenschen) artikulierte sich die Phantasie, ohne den Handlungsrahmen kontrollieren zu können. Es entstand ein Ort, der sich nicht mehr am Vorgefunde­nen orientierte, sondern vor allem aus den Phantasien und Träumen einer prekären Lebensgeschichte speiste. Das symbolistische Alters­werk Mays ist eine ungezügelte Transformation von Figuren und Landschaften der sogenannten Reiseerzählungen in einen kaum noch zu kontrollierenden Kosmos der Selbstbespiegelung - Spiege­lungen eines mehrdimensionalen Panoptikums, dessen Grund und Ende sich im Unendlichen zu ver­lieren scheint.

Wir aber wendeten unsern weitern Aufstieg nun den Bergen, über deren Pässe der Weg nach Dschinnistan führte, und unserem hohen, weiteren Ziele zu (May 2007, S. 523).

Die freigesetzten Signifikanten verlieren in diesen Texten jeden Bezug zum Signifikat und der lose Handlungsrahmen konnte nur noch wenige der Stammleser hal­ten - die Veröffentlichung dieser Texte war damals eine verlegeri­sche Katastrophe. Doch genau das machte May nicht nur zum letz­ten deutschen Großmystiker (vgl. Schmidt 1958, S. 157), sondern auch zu einem Autor, der lebendi­ge Orte allein durch die Kraft der Phantasie konstituieren konnte, ohne dass konkrete Raumkons­tellationen vorausgesetzt werden mussten. Und dies gilt auch im selben Maße für die populären Reiseerzählungen. Diese Narrative erzeugen eine derartige Plasti­zität, dass Millionen von aktiven Leser*innen ihm folgten und bis heute diesen imaginär geprägten Kosmos bevölkern - unabhängig davon, ob hier validierte landes­kundliche Inhalte dargeboten werden. Und dies sowohl in aka­demisch geprägten Refugien wie der Karl-May-Gesellschaft als auch in Fan-Foren, die Gruppenreisen nach Kroatien organisieren, um an 'originalen' Schauplätzen eine ge­teilte Lebenswelt fern des Alltägli­chen zu erleben. Beide Spielarten des 'spacing' gehen problemlos zusammen. Sie überlagern densel­ben Raum, nutzen vergleichbares Material und erzeugen dennoch in sich geschlossene lebendige Orte.

Das Phantastisch-Imaginäre ist aber nicht nur eine identitätsstiftende Kraft, die Orte schafft, son­dern die auch pathologische und unkontrollierbare Sedimente in sich trägt. Bildungsprozesse sind nicht frei davon. Die mit Orten verbundenen Bilder und Begrif­fe erzeugen Wirkungen, die man nur unzulänglich kontrollieren kann; sie sind der Grund von In­novationen. Derartige Hybridi­sierungen eröffnen Erfahrungs­felder, die im Rahmen der Kunst ihren angestammten Platz haben, werden aber - wie am Beispiel Mays gezeigt - prekär, wenn sie systemische Grenzen übersprin­gen. Denn wenn die Dämme zwi­schen dem Imaginären und dem Realen brechen, entwickeln sich Pathologien. Die Aufdeckung der 'Old-Shatterhand-Legende' ver­nichtete nicht nur die öffentliche Reputation Mays, sondern spal­tete auch die vormals engagierte Leserschaft (vgl. Roxin 1974).

Andreas Brenne in: Mitteilungen der KMG Nr. 197/ September 2018, S. 43 ff.

Die Wandlungen der Leitkultur

"Noch in der Generation der vor 1920 Geborenen ... waren Redensarten gebräuchlich, die sich für ihre Kinder rätselhaft anhörten: Sie setzen ihren 'Friedrich Wilhelm' unter ein Dokument, sie kamen 'wie Zieten aus dem Busch' oder sie gingen 'ran wie Blücher'. Im Kontext dieser Leitkultur [damals: die Kombination aus Militär und Witz] wurden Buchtitel wie 'Der Weg nach Waterloo' oder 'Der alte Dessauer' verschenkt und von den Nachwachsenden unter Umständen gelesen. Solche Haltungen haben sich wie vieles andere bis dahin in Kultur und Lebensweisen Tradierte im Verlaufe der 1960er verflüchtigt. Zu Zeiten der Hochkonjunktur von Karl May, Ende der 1950er bis Anfang der 1970er, fand Blücher samt den anderen Preußen Mays auf Bühnen und in Filmen, in Comics und beim Spielzeug keine Berücksichtigung."

Malte Ristau in Mitteilungen der KMG Nr. 197/ September 2018, S. 38.