Sie sind hier: Stammmütter Jesu
Der Stammbaum Christi, Darstellung aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (um 1180)

Thamar, Rahab, Ruth und Bathseba: die Stammmütter Jesu

Ein meditatives Glaubensbekenntnis zu dem dreifaltigen Gott, der Frauen und Männer zu ihrer Ganzheit finden läßt in liebevoller und gleichberechtigter Gemeinschaft, war Ausdruck und Folge einer wichtigen Lernerfahrung in einem Studienkurs der VELKD im April 1983 zum Thema "Eva, Mirjam, Maria - die Rolle der Frau in Kirche und Verkündigung", an dem als Referentinnen u.a. Marga Bührig, Luise Schottroff, Heidemarie Langer und Rut Rohrandt teilnahmen.

Ich selber bin durch eine Ausdrucksübung mit einem Ostseestein in der Hand, zu der uns Heidemarie Langer damals in Pullach mit großem Einfühlungsvermögen und methodischer Sicherheit hinführte, an den verschütteten Kinderwunsch herangekommen, der nach der Geburt einer schwerbehinderten Tochter tief in mir schlummerte. Meine Frau Renate hat wenig später beim Kirchentag in Hannover unter der Losung "Umkehr zum Leben" eine ähnlich tiefgreifende und erlösende Erfahrung gemacht, so daß wir den Mut und das Vertrauen aufbrachten, noch einmal schwanger zu werden. Es sind Zwillinge geworden, Anna und Katharina, die uns im Oktober 1984 geboren wurden.

In der Zeit nach dieser bedeutsamen Erfahrung in Pullach habe ich sehr viele Bücher aus dem Bereich der Feministischen Theologie gelesen und praktisch noch einmal Theologie studiert in den Fächern Altes und Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische und Praktische Theologie. Ich kann die theologischen Aha-Erlebnisse gar nicht alle beschreiben, die mir in dieser intensiven Studienzeit aufgegangen sind. Ich habe Frauengestalten entdeckt, die mir bis dahin unbekannt geblieben waren und von denen ich viel gelernt habe. Freilich seufzte ich auch manchmal unter der Schärfe der Kritik und der Radikalität der Forderungen, wie sie z.B. Mary Daly erhob und vortrug. Ich merkte bald, daß sich die Feministische Theologie in verschiedene Richtungen entwickelte und hielt mich verständlicher Weise eher beim reformerischen Flügel auf, auch wenn ich dem revolutionären Flügel meinen Respekt nicht ganz versagen konnte.

In meiner Gemeinde Büdelsdorf wagte ich mich zunächst an ein Seminar über die vier Frauen aus dem Stammbaum Jesu heran: Thamar, Rahab, Ruth und Bathseba. Und als dann der Streit um die Feministische Theologie in der kirchlichen und sonstigen Öffentlichkeit eskalierte, bot ich eine Seminarreihe über das ganze Spektrum der Feministischen Theologie an. Ermutigt wurde ich dazu durch einen Artikel von Maria Jepsen, die inzwischen Bischöfin für den Sprengel Hamburg ist (und in diesen Tagen - August 1994 - ebenfalls hier in Turku weilt), in der Mitarbeiterzeitschrift der Nordelbischen Kirche. Sie schrieb damals, im April 1985, unter der Überschrift "Neuheidentum - oder Zugang zum christlichen Glauben" zum Streit um die Feministische Theologie:

"Feministische Theologie läßt sich nicht systematisch beschreiben, nicht als feste Dogmatik vertreten, wie es manche gern möchten, um sie dann vielleicht auch leichter kritisieren zu können. Feministische Theologie ist vielmehr immer von Erfahrungen geprägt, vom Kontext des Lebens derer, die nach Gott und dem Sinn des eigenen Lebens fragen.

Feministische Theologie ist auf dem Weg, eine Exodus- und Emanzipationstheologie, prozeßhaft, suchend, fragend, lebendig, unfertig.

Wer sich auf Feministische Theologie einläßt, will wissen und fühlen und tun, 'was Christum treibet', will das Reich Gottes erfahren und verwirklichen helfen, will die Schöpfung wahrnehmen und ernstnehmen, will Leib, Seele und Geist annehmen als Einheit, will stark und schwach sein dürfen, will nachfolgen und dienen, nicht in starr hierarchischer Unterordnung, sondern in der Freiheit der Kinder Gottes."

Natürlich wurde ich damals gefragt - wie vielleicht heute auch wieder -, wie ich eigentlich dazu käme, als Mann Seminare über Feministische Theologie anzubieten oder Vorträge über Feministische Theologie zu halten. Ich habe mich damals auf Boas berufen, den ersten feministischen Theologen des Alten Testaments, dem angesichts einer ährenlesenden Moabiterin auf seinem Feld nicht das abweisende Gesetz des Mose einfiel: "Du sollst nie den Frieden der Moabiter suchen noch ihr Bestes dein Leben lang. Denn sie sind euch auch nicht entgegengekommen mit Brot und Wasser auf dem Wege, als ihr aus Ägypten zogt" (5. Mose 23,5.7), sondern ein weibliches und annehmendes Bild von Gott aus dem 36. Psalm, Vers 8: "Du bist gekommen zu dem Gott Israels, daß du unter seinen Flügeln Zuflucht hättest" (Ruth 2,12). Und ich habe immer wieder hervorgehoben, mit wieviel Gewinn ich all die vielen Bücher aus dem Bereich der Feministischen Theologie gelesen habe und wieviele Hilfen und Anregungen für meine eigene Predigt und Gemeindearbeit ich daraus gewonnen habe. Aber erst im Gespräch, im Vortragen, im gemeinsamen Arbeiten an Thesen und Positionen, im Gestalten von Bibeltexten und Lebenssituationen gewinnt Anschauung und Konkretion und wird zu einem Teil der eigenen Lebenshaltung, was sich in Büchern nachlesen und studieren läßt.

So habe ich es gewagt, eine zeitlang selber Feministische Theologie zu treiben - rezipierend freilich und weitergebend an andere, was Frauen für sich entdeckten in Bibel und Kirchengeschichte, in kirchlichen Lehrmeinungen und liturgischer Praxis.